Zweite Halbzeit in Argentinien

Die Zeit ist schon etwas Komisches. Manchmal rennt sie, manchmal kriecht sie dahin und, egal was sie macht, man wünscht sich meistens das, was sie gerade nicht tut.

Mit Zeit kann man vieles erreichen. Manches braucht seine Zeit und für manches ist keine Zeit. Im Projekt hab ich seit dem neuen Schuljahr mehr Zeit mit den Kindern alleine. Ich habe angefangen ihnen Klavierunterricht zu geben. Das kommt wahnsinnig gut an und die Kinder sind wissbegierig und wollen unbedingt schnell viel lernen. Das ist aber gar nicht so ein- fach, vor allem, wenn man so ungeduldig und streng zu sich selbst ist, wie es die meisten Kinder sind. Da dauert es dann schon mal zwei Wochen, bis man eine Tonleiter, die aus acht Tönen besteht, mit nur einer Hand, die ja nur fünf Finger hat, fließend spielt.

Die kleinen Tiefs zwischendurch, wenn es noch nicht so klappt, wie sich die Kinder das vorstellen, sind ganz vergessen, wenn sie zum ersten Mal die C-Dur-Tonleiter komplett, flüssig und ohne meine Hilfe spielen. Bei manchen gelingt es früher, bei anderen dauert es etwas länger. Aber alle möchten unbedingt lernen. Das ist ein total schönes Gefühl den Kindern etwas beibringen zu können, was ihnen Spaß macht und was sie auch später weiter machen können, wenn ich nicht mehr hier bin.

Mit der Zeit verändern sich auch Dinge. So auch im Club de Niños. Seit dem neuen Schuljahr hat sich die Gruppe der Kinder ein bisschen geändert. Manche Kinder kommen weiter, andere Kinder, wie zum Beispiel Rodrigo, sind umgezogen und können nicht mehr kommen, wieder andere haben keine Zeit mehr, weil sie ab jetzt nachmittags zur Schule gehen und wieder andere haben von ihren Freunden gehört, dass es einen Club de Niños gibt, und kommen jetzt regelmäßig. Der neue Spielhit der Kinder ist Twister, gleich nach Halligalli. Sich zu verrenken bis es nicht mehr geht, macht total Spaß und ständig hört man die Klingel von Halligalli. Schade ist nur, dass die ältere Dame, die von uns immer „abuela“ genannt wurde, in den Ruhestand gegangen ist und jetzt nicht mehr den Mate serviert. Mate ist das Nationalgetränk Argentiniens.

Er wird immer dann getrunken, wenn man ein bisschen Zeit hat und es sich gemütlich machen kann. Meistens in einer Runde von Freunden oder inner- halb der Familie. Man kann ihn aber auch alleine oder zu zweit trinken. Je nachdem, wer gerade in der Nähe ist, wenn man Lust auf Mate hat.

Es ist so eine Art Tee. Man trinkt ihn aus dem Matebecher mit einer Bombilla. Der Matebecher besteht traditionell aus einem ausgehöhlten Kür- bis. Es gibt aber auch Matebecher aus Holz, Metall oder Plastik. Sogar aus Porzellan. Die Bombilla ist quasi der Strohhalm. Sie besteht aus Metall und hat unten ein Sieb, damit die kleinen Partikel des Ma- tekrauts nicht in den Mund gelangen. Mate bereitet man mit heißem Wasser zu. Dazu füllt man den Matebecher ungefähr zu zwei Dritteln mit Yerba (so wird das Kraut hier genannt) und gießt es dann mit heißem Wasser auf. Die Bombilla wird nach dem Wasseraufguss in das Kraut gesteckt, damit der Staub und die kleinen Partikel keine Chance haben in sie zu gelangen. Danach trinkt man ihn.

Wenn man ihn in einer Runde trinkt, gibt es einen, der den Mate immer wieder neu aufgießt. Jeder, der in der Runde sitzt, trinkt nämlich einen kompletten Matebecher aus, dann geht er zurück an den ersten, der wieder neues Wasser aufgießt und den Mate an den nächsten in der Runde weitergibt. Es wird so lange getrunken, bis man keine Lust mehr hat. Die Yerba verliert nach einer Weile ihren Geschmack. Dann leert man den Matebecher einfach aus und tut neue Yerba hinein und weiter geht’s.
Der Geschmack ist am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig.

Der Mate ist ziemlich bitter und rauchig. Mein Bruder meinte, als er das erste (und letzte) Mal hier Mate getrunken hat:
„Es schmeckt wie Wiese“. Um den bitteren Geschmack etwas zu mildern, wird oft Zucker dazu gegeben. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber total an den Geschmack und findet ihn irgend- wann richtig toll! Auch ohne Zucker! Bei mir ist diese Zeit jetzt gekommen.

Wenn man sich Zeit nimmt und Mate trinkt, ver- geht sie wie im Flug, weil jeder etwas erzählt und man einfach in einer netten Runde sitzt. Wenn der- jenige, der den Mate gerade in der Hand hat, aber eine sehr ausführliche Erzählung angefangen hat und einfach immer weiter redet, ohne den Mate auszutrinken um ihn wieder an den „Eingießer“ zurück zugeben, damit die Runde weiter gehen kann, hört man manchmal den Satz: „iDale que no es microphono, che!“ Was so viel heißt wie: „Los, mach schon! Das ist kein Mikrophon!“

Ich hab das Gefühl, die Zeit rennt im Moment besonders schnell. Es ist schon Herbst, und mein Jahr hier neigt sich dem Ende zu. Ich hab mit den Kindern viel Zeit verbracht, bin aber über die Zeit, die ich noch mit ihnen habe, sehr dankbar und freue mich auf sie!

Ein kluger Kopf hat mal gesagt: „Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit die uns etwas gibt.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch eine schöne Frühlingszeit!

Ganz liebe Grüße aus dem herbstlichen Mar del Plata
Eure Antonia


Jetzt ist das Jahr vorbei.


Ich sitze wieder in meinem Zimmer in Deutschland und kann aus dem Fenster unseren Kirschbaum im Garten sehen. Ich bin jetzt knapp einen Monat wie- der in Deutschland und kann gar nicht sagen, ob dieser eine Monat mir lang oder kurz vorkommt. Eine Woche von diesem Monat habe ich auf dem Rückkehrerseminar verbracht. Dort haben wir mit spannenden und provozierenden Fragen über den Freiwilligen Friedensdienst diskutiert.

Leiden nicht eigentlich diejenigen, denen wir helfen sollen und wollen – die Kinder – am meisten? Sie müssen sich jedes Jahr wieder auf einen neuen Freiwilligen einstellen und gerade wenn das Ver- trauen gefasst und gewachsen ist, müssen sich die Kinder wieder verabschieden. Und das bei Kindern, denen es vielleicht ohnehin sehr schwer fällt, Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Ist das nicht kontraproduktiv? Und profitieren nicht eigentlich nur wir Freiwilligen von diesem Jahr?

Ich bin geteilter Meinung. In meinem Projekt bin ich nicht die einzige, die sich um die Kinder kümmert. Es ist immer meine Chefin Claudia da. Sie macht das schon seit zehn Jahren und ist ausgebildete Lehrerin. Ich habe die Kinder in diesem Jahr begleitet und habe mich gefreut, als sie mir vertraut und mir Dinge anvertraut haben. Aber trotzdem war ich für sie die Freiwillige, die nach einem Jahr wieder geht.
Der Abschied war schwer, gar keine Frage.

Einerseits habe ich mich über den Satz „Du sollst noch nicht gehen!“ gefreut. Andererseits wusste ich, dass es sich nicht ändern lässt, und es macht mich traurig zu wissen, dass die Kinder jedes Jahr das Gefühl von Abschied erleben. Ich glaube trotz- dem, dass das Jahr, das ich mit den Kindern verbracht habe, für sie schön war. Ich als Freiwillige kann nicht die ganze Welt ändern, aber ich konnte versuchen die Zeit, die ich mit den Kindern verbracht habe, so schön und liebevoll wie es mir möglich war, für sie zu gestalten.

Dieses Jahr hat mich weiter gebracht.
Ich habe gelernt allein zu wohnen und mich in einer neuen, ganz anderen Kultur zurecht zu finden. Der Freiwillige Friedensdienst soll vor allem als kultureller Austausch gesehen werden. Diesen Zweck erfüllt er sehr. Oft wurde ich auf- gefordert zu erzählen, wie es denn in Deutschland sei oder wie dort dieselben Sachen anders funktionieren. Zum Beispiel, dass es keinen Mate (argentinisches Nationalgetränk aus bestimmten Kräutern, eine Art Tee) gibt. Dass die Menschen sich bei uns zur Begrüßung die Hand geben, ist eine Tatsache, die schwer vorstellbar ist. In Argentinien geht man mit dem Mate überall hin und verteilt zur Begrüßung mindestens ein Küsschen (besito), wenn man sich nicht sofort in die Arme fällt.

Andersherum konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sein würde, in einem Land zu wohnen, in dem es keine Mittelschicht wie in Deutschland gibt, bis ich dort war und gesehen habe, dass Armut relativ ist und immer von der Kultur abhängt, in der man sich befindet.

Oft wird Europa und gerade Deutschland als Vor- bild für eine bessere Politik gesehen und gene- rell ist es das Land, in dem es so scheint, als ob Milch und Honig fließen. Wenn man dann erzählt, dass es hier auch Probleme gibt, wie zum Beispiel Rassismus gegenüber Flüchtlingen, wird man oft mit großen Augen angeguckt.

Um also gegenseitige Vorurteile abzubauen und die Kultur eines anderen Volkes kennenzulernen, ist der Freiwillige Friedensdienst super.

Auch jetzt hier in Deutschland den Leuten von einem Land zu erzählen, was nur selten in den Nachrichten und gar nicht im deutschen Alltag vor- kommt, finde ich wichtig. Ich möchte jedem sagen, der nicht weiß, was er machen möchte und noch etwas Sinnvolles für das Jahr nach dem Abi sucht:
Es lohnt sich und es macht unglaublich viel Spaß und man hat ein Leben lang etwas davon!

An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmal bei der Petrigemeinde bedanken, die durch ihre Unterstützung dazu beigetragen hat, dass ich diesen Dienst machen konnte.

Grüße – wieder aus Herford Eure Antonia