Grabfeld der Erinnerung

Bestattungsmöglichkeit auf dem Marienfriedhof für Menschen, die mittellos, alleinstehend und Herforder Bürgerinnen und Bürger sind.

Die Beratungsstelle des Sozialberatungsdienstes führt seit dem 14.11.1986 eine Liste Verstorbener, damals starb der erste Besucher des Dienstes. Wir meldeten uns, wie später üblich beim Sozialamt und wurden als „Angehörige“ akzeptiert. Dieses Procedere ermöglichte die Kosten und Form der Bestattung organisieren und durchführen zu können. Wir begleiteten „unsere“ Toten, wie damals allgemein üblich, auf dem Erikafriedhof oder auf dem Ewigen Frieden.

Irgendwann fehlten uns einfach Besucher, sie verschollen. Erste Nachfragen nach dem Verbleib mündeten in Schulterzucken. Telefonate brachten manchmal Informationen, wie „liegt im Krankenhaus“, manchmal auch „ist verstorben!“. Diese lapidare Antwort machte uns und unsere Besucher sprachlos, wussten wir doch verstorben = Begräbnis. Anonym beigesetzt lautete die Amtsformel.

Wir wollten uns aber weder sprachlos machen lassen, noch in Folge der Sprachlosigkeit hilflos werden.

Wir organisierten mit Wolfram Kötter, dem Pfarrer der naheliegenden Petrigemeinde und zu dem bereits gute Kontakte durch den Herforder Mittagstisch e.V. bestanden, eine Trauerfeier. Wir setzen uns dabei im Stuhlkreis mit einem Foto des Verstorbenen, so wir es denn hatten, mindestens Blumenschmuck und hielten so die erste Andacht in der Beratungsstelle.

Fragen klärten wir: Muss der Pfarrer eine Amts-Robe tragen? Hören wir Musik, die die / der Betroffene mochte oder die uns an sie / ihn erinnerte an?

Wir sprachen laut im Stuhlkreis unsere Erinnerungen an Szenen, Begegnungen oder Schrulligkeiten der Verstorbenen, des Verstorbenen an, um dann nach diesen lebendigen Erinnerungen sie / ihn mit Trauer gehen zu lassen und zu verabschieden.

Irgendwann nach einigen Trauerandachten schenkte uns das Bestattungsunternehmen Deppendorf und Preuß eine Schmuckurne. Er hatte bei unseren Nachfragen von unseren Trauerfeiern und unserer Ärmlichkeit erfahren. Wir hatten jetzt zwar nicht den eingeäscherten Leichnam, aber etwas Handfestes, ein Symbol – die Urne. Und wenn ich mit der Urne auf den Weg in den Tagesaufenthalt war, wichen mir die Besucher respektvoll aus. Spätestens da begriff ich, dass wir Menschen ein Ritual brauchen, um loszulassen, um trauern zu können, um selber menschenwürdig zu sein und handeln zu können.

Über die reformierten Kontakte der Petri-Kirchengemeinde kam dann eine Idee aus Minden zu uns.

Dort hatte Uli Treude eine Friedhofsgruppe um sich geschart und ungepflegte Gräber ehemaliger Besucher aufgespürt und diese gepflegt. Die Friedhofs-verwaltung der Stadt Minden stellte dieser Gruppe dann einen nicht genutzten Teil des Nord-Friedhofes zur Verfügung, sie wollten ein Grabfeld gestalten.

Mit den Kontakten von Johanna Beitmann-Spanier, die sich nicht nur im Vorstand des Herforder Mittagstisch e.V. engagierte, beschritten wir Herforder einen ähnlichen Weg.

Absprachen mit der Marien-gemeinde, dem dortigen Friedhofsamt, dem Kirchenkreis, dem Herforder Mittagstisch e.V. und Sponsoren ermöglichten uns so im Sommer 2008 das Anlegen des Grabfeldes der Erinnerung. Gemeinsam mit Hans-Jörg Krauß vom Friedhofsamt plante ich den α-Weg (vom Anfang), umgeben von der Ω-Hecke (bis Ende).

Das alte Denkmal wurde mit Kreuz und Inschrift „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir. (Jes 43.1)“ versetzt.

Der Sozialberatungsdienst stiftete seine Bank [Jeder Mensch braucht eine Wohnung, eine Bank ist kein Zuhause] zur Einweihung.

Im November 2008 war es soweit, der Superintendent des Kirchenkreises Herr Etzien und der Dechant der katholischen Gemeinden Herr Tielking in Anwesenheit der Herforder„Prominenz“ übergaben das Grabfeld seiner Bestimmung.

Ja auch wir, unsere Männergruppe waren „prominent“ und ‚uns Uwe’ konnte einen gemeinsam erarbeitenden Text vorlesen. Traurigerweise erlebte André diese Eröffnung nicht, hatte er noch voller Tatendrang seine körperliche Energie im Sommer eingebracht, war er Opfer geworden, erstochen und inzwischen in Bünde auf Wunsch seiner Eltern anonym beigesetzt.

Seit dem 01.02.2011 haben wir einen Kooperationsvertrag mit der Stadt Herford. Dieser regelt die Mehrkostenübernahme der Stadt, sollte der Verstorbene zuvor seinen Willen zur Beisetzung auf dem Grabfeld erklärt haben, mittellos und alleinstehender Herforder Bürger sein. Damit wurde auch das Beisetzen von Menschen aus den Alten- und Pflegeheimen dort möglich.

Wir vom Sozialberatungsdienst machen ‚reichlich’ Gebrauch, wie Sie inzwischen immer der Presse entnehmen können. Denn durch Verhandlungen sponsert uns jetzt diese Annonce die NEUE WESTFÄLISCHE und das HERFORDER KREISBLATT.

Jetzt im Januar 2016 wird es langsam voll auf dem Grabfeld der Erinnerung.

Entscheidungen stehen an: Der äußere Kreis des Weges ist fast ausgeschöpft. Die Besucher möchten gerne statt einer anonymen Beisetzung und der Namensverkündung auf den Jahresstellen eine kleine Urnenplatte. Können die Erdgräber umrandet werden? Der Vertrag mit der Stadt ist zu verlängern. Neue Bestattungsformen drängen auf die Friedhöfe.

Wenn wir Männer dort auf dem Grabfeld mal wieder Unkraut zupfen, räumen wir kleine Erinnerungen wie Engel oder Blumen ab. Das Grabfeld dient nicht nur der Beisetzung, es ist ein Ort der Erinnerung. Er erinnert uns, jetzt gibt es keinen Unterscheid mehr zwischen Arm und Reich, Erfolgreich und Verlierer, Geliebter oder Verachteter. Dieser Ort erinnert uns nicht nur, er gibt uns einen Ort der Trauer, einem Gefühl.

Wie sagt die Bibel ‚Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild’. Wenn Gott heilig ist, ist sein Ebenbild der Mensch und sein Körper dann nicht auch heilig? Können wir etwas Heiliges anonym beisetzen?

Wir sollten hier mindestens unsere Pflicht erfüllen, unsere Verstorbenen, die keine Angehörigen hatten, mittellos starben und es hier wollten, weiterhin menschenwürdig beisetzen.

Peter Wilde
(Sozialarbeiter und Gründungsmitglied beim Herforder Mittagstisch)