Reformierter Glaube

Was ist Reformierter Glaube - praktisch?

1. Der Gottesdienst

Der reformierte Gottesdienst ist einfach und schlicht. Anders als bei der lutherischen Messfeier gibt es keinen Wechselgesang zu Beginn, keine übernommenen Liturgiestücke, die man irgend- wann einmal gelernt haben muss, um sie zu ver- stehen. Der Dreh- und Angelpunkt ist die Predigt, denn im reformierten Gottesdienst dreht sich alles um die Verkündigung des Evangeliums, welches uns in den Texten des Alten und Neuen Testaments begegnet.

2. Taufe und Abendmahl

Reformierte Christen verstehen die Sakramen- te Taufe und Abendmahl als „Wahrzeichen und Siegel“ Gottes. In ihnen vergewissert sich die Gemeinde der Gemeinschaft mit Gott und der Gemeinschaft untereinander. „Gott war in Christus und versöhnt die Welt mit sich selber“ (2. Kor 5,19). Dieser Gedanke wird beim Abendmahl noch ein- mal ganz anders spürbar als während der Predigt. Die Gemeinde wird zeichenhaft und symbolisch daran erinnert, dass Gott sich in Jesus Christus uns Menschen schenkt. Calvin konnte das Abend- mahl deswegen auch als „göttliche Pädagogik“ be- schreiben, weil es einfach andere Sinne anspricht als das Wort. Im Hintergrund steht zum einen die Befreiungsgeschichte des Volkes Israel, die im Judentum mit dem Pessachfest begangen wird, und im Hintergrund steht zum anderen die Befrei- ungs- und Versöhnungsgeschichte Jesu, die den Menschen wieder neu ins Recht setzt.

3. Der Kirchraum

In reformierten Kirchen gibt es keine Bilder, meistens keine Kreuze und Kerzen. Außerdem steht dort statt eines Altars nur ein einfacher Tisch. Die Begründung hierfür liegt im 2. Gebot, „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen.“

Das bedeutet auch, dass kein Bild, das sich Menschen von Gott machen, ihn vollständig und letztgültig beschreiben könnte. Mit Gott ist man nie fertig, Gott hält nicht still. Die Gotteser- kenntnis ist ein Prozess, der ein ganzes Glaubens- leben dauert und immer in Bewegung ist.

Einen Altar gibt es nicht, weil die Opfertradition mit Jesus Christus an ihr Ende gekommen ist. Gott gibt sich selbst hin in diesem einen Menschen. Wir können und brauchen keine Opfer mehr zu leisten. Deswegen ist auch kein Altar notwendig, der für eine bestimmte Opfertradition steht, sondern nur einen Tisch, der Gemeinschaft stiftet.

Die Anordnung der Stühle in reformierten Kirchen beschreibt ebenfalls ein theologisches Prinzip. Deshalb stehen auch bei uns die Stühle um den Abendmahlstisch herum, auf dem die offene Bibel liegt. Man versammelt sich als Gemeinde um das Wort Gottes herum. Und man sieht immer die Gemeinde. Die Menschen als Ebenbilder und als Bundespartner Gottes sind das Heilige, das reformierte Kirchen zu bieten haben.

4. Reformiertes Bekenntnis

Das Bekenntnis der Reformierten steht immer unter dem Vorbehalt, dass es von der Bibel her erneuert oder konkretisiert werden muss. Die Reformierten bekennen ihren Glauben mit den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen wie die Lutheraner auch. Hinzu kommt neben dem "reformierten" Heidelberger Katechismus von 1563 auch die Barmer Theologische Erklärung von 1934. In der ersten Frage des Heidelberger Katechismus wird beschrieben, dass Jesus Christus für uns Menschen eingetreten ist, dass wir zu ihm gehören und von ihm getröstet werden. Das Besondere am Heidelberger Katechismus ist die Dreiteilung, die mit dem großen dritten Teil „Von der Dankbarkeit“ schließt. Damit antwortet der Katechismus, wie wir Menschen als von Gott Erlöste und Befreite unser Leben führen können, nämlich in großer Dankbarkeit.

5. Glaube und Weltverantwortung

Reformierte Christen sehen sich verantwortlich für die Welt, in der sie leben. Suchet der Stadt Bestes (Jeremia 29,7) ist da ein guter Impulsgeber für das tägliche Leben. Das gilt auch für politische wie für soziale Bereiche. Christen haben das Recht und die Pflicht, sich als Christen in alles einzumischen, was sie und andere betrifft. Jesus Christus ist nicht nur „Zuspruch der Vergebung“ Gottes sondern auch „ein kräftiger Anspruch auf das ganze Leben“. (Barmen II).

6. Kirchenverständnis

Die versammelte Gemeinde repräsentiert die Weltkirche. Es gibt nicht eine übergeordnete Institution, deren Unterordnung oder Vertretungen die Gemeinden wären. Jede Gemeinde ist Kirche im vollkommenen Sinn. Deshalb haben die Reformierte Kirchen auch keine Bischöfe. Kirche baut sich von unten her auf, und wird vom Presbyterium (Kirchenvorstand oder Kirchenrat) geleitet.

In der Evangelischen Kirche von Westfalen sind die Kirchenkreise Wittgenstein, Siegen und Tecklenburg reformiert geprägt. Außerhalb der westfälischen Kirche sind Lippe, die Grafschaft Bentheim, Ostfriesland, und der Niederrhein überwiegend reformiert. Die Schweiz, die Niederlande, Ungarn, Schottland, die USA, Kanada, Südafrika u. a. haben einen hohen reformierten Bevölkerungsanteil.