„Der Verlorene Sohn“ Erstes inklusives Theaterprojekt der Petrigemeinde Herford

„Mehr Inklusion geht ja wohl nicht!“ – Ein Erfahrungsbericht von DANIEL SCHOLZ

So, das wäre also geschafft. Das Wort ist untergebracht, sogar in der Überschrift – übrigens das Zitat einer begeisterten Zuschauerin nach der Aufführung – es gibt kein Zurück mehr: Inklusion. Ein typisch pädagogisches Wort, wie ich finde, sicher auch ein wichtiges sozialpolitisches Wort – eines, das einem, geschickt verwendet, den Zugang zu Fördermitteln ermöglicht, den Einstieg in Grundsatzdiskussionen, aber auch: das Seufzen von nicht wenigen Kolleginnen und Kollegen (Pädagogen wie Künstlern). Vornehmlich solchen, die im Rahmen ihrer Arbeit gerne mal ohne ein Label auskommen würden. Ohne eine gesellschaftspolitische Vokabel, die ihr soziales oder künstlerisches Handeln rechtfertigt. Oder dazu beiträgt, ihre Arbeit angemessen zu finanzieren. Aber Inklusion ist mehr als ein Modewort. Es ist laut UN-Behindertenrechtskonvention: ein Menschenrecht.

In einem Infotext auf der Website der ‚Aktion Mensch‘ heißt es:
„In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Jeder ist willkommen. Und davon profitieren wir alle.“

Für mich ist das nicht nur eine Definition meiner theaterpädagogischen Arbeit generell, es ist auch eine schöne Vorstellung von einer Gesellschaft, in der ich tatsächlich gerne leben möchte. Wie immer bei schönen großen Worten kommt es letztlich nur darauf an, wer setzt sie wie um?Warum starte ich diesen kleinen Bericht über mein mittlerweile fünftes Theaterprojekt für die Petrigemeinde plötzlich so ausschweifend mit einem Minidiskurs über dieses seltsam sperrige Wort Inklusion? Ganz einfach. Weil ich vorher so viel darüber nachgedacht habe, und zwar mehr als über jedes andere Motto, unter dem ich bisher Theaterprojekte geleitet habe. Worüber ich nachgedacht habe? Zum Beispiel darüber, was Inklusion eigentlich heißt (vorläufige Antwort: siehe oben). Wie man das eigentlich macht (sich Mühe geben?). Was man tunlichst vermeiden sollte (ja, was eigentlich?). Wo die Grenze zwischen ‚aufführen‘ und ‚vorführen‘ liegt (wahrscheinlich ein Bauchgefühl, oder?). Und so weiter. Es war mein erstes ‚richtiges‘ inklusives Projekt, und ja, ein bisschen Bammel hatte ich schon. Wovor? Schwer zu sagen. Am meisten wohl davor, dass es nicht klappt. Was immer das heißt.

Vor allem seit ich wusste, dass meine Kollegin Steffi Schäfer und ich nicht nur behinderte und nicht-behinderte Kinder, sondern auch ein paar junge Erwachsene auf der Bühne zusammenbringen würden, noch dazu ein aus Bangladesch geflüchtetes junges Geschwisterpaar, das zu Beginn kein Wort Deutsch sprechen konnte – insgesamt also eine 24köpfige Gruppe im Alter von 4 bis 28 Jahren –, stieg die Aufregung deutlich.

Viel Zeit stand uns ja nicht zur Verfügung: sechs Vormittage bis zur Aufführung, gerade mal 15 Stunden insgesamt. Das musste reichen, um sich kennen zu lernen, ein gemeinsames Ziel zu definieren, dazu möglichst viele Ideen von möglichst vielen Kindern aufnehmen und möglichst viele Bühnenwünsche erfüllen. Und dann natürlich proben, ein Bühnenbild und Kostüme finden und so weiter. Theateralltag eben.

Gut, dass zumindest eines klar war: Es wird um die Geschichte vom verlorenen Sohn gehen, ein Jesus-gleichnis, das in wenigen Worten erzählt werden kann und das sich so einfach entwickeln lässt wie ein Märchen. Mit so vielen Anknüpfungspunkten für Kinder und Erwachsene allen Alters, dass Steffi und mir zumindest in Bezug auf die Sogkraft der Geschichte nicht bange war.

Am 03. August um 9 Uhr morgens war das ganze Nachdenken, Theoretisieren und Gegrüble dann endlich vorbei, dann ging‘s nämlich los. Und vom ersten Moment an, dem Kennenlernfrühstück nämlich, war klar: alles halb so wild. Bis auf die Teilnehmer natürlich. Alle sind freiwillig hier, statt großer Erwartungen haben alle große Vorfreude mitgebracht. Der Sommer hat manchen die Haare blondiert und vielen die Gesichter gebräunt, alle sehen gut erholt aus und wollen jetzt nur noch, dass es rockt. Einer von ihnen ist Dennis, 28 Jahre alt. Er sitzt in seinem Rollstuhl und hat seinen Helm gegen mögliche Epilepsieanfälle sicherheitshalber hinten im Einkaufsnetz des Rollstuhls verstaut. Dennis hat beileibe nicht nur gute Erfahrungen mit Nichtbehinderten gemacht. Nach dem ersten Tag aber wird er sagen: „Das ist toll hier, hier möchte ich morgen wieder hin.“

Dann die ersten Aufwärmspiele. Jeder spielt die Spiele in seinem Tempo, und weil es niemand eilig hat, macht es auch allen Spaß. Jeder ist will-kommen. Die erste Großimprovisation: Musik wird gespielt, dazu soll die Gruppe aus dem Stand das Leben auf einem Bauernhof improvisieren, anschließend eine Hungersnot und dann noch eine Party, in der das Verprassen von Geld im Mittelpunkt steht. Jeder findet seinen Platz, weil genug Raum da ist. Es gibt einen Rahmen, die Geschichte, aber es gibt keine Grenzen. Das entspannt und macht sowohl die glücklich, die viele Ideen umsetzen wollen (Oskar zum Beispiel, der am Ende mindestens drei Charaktere spielen wird, wenn ich richtig gezählt habe), als auch die, die wie Yannic mit großer Freude und hoher Konzentration daran gehen, Ideen aufzugreifen und umzusetzen.

Yannic spielt den verlorenen Sohn. Mit einem solchen Strahlen im Gesicht, dass einem ganz anders werden kann. So ein Gefühl habe ich beim Zuschauen professioneller Theaterspieler selten. Steffi und ich lassen das Gesehene und Gespielte schließlich Revue passieren, geben eine kleine Inhaltsangabe des „Verlorenen Sohns“ zum Besten und fragen nach Wunschrollen.

Nach kaum anderthalb Stunden steht der Großteil der Besetzung fest, die ersten drei Großgruppenszenen können mehr oder weniger so übernommen werden, wie sie improvisiert wurden, die Arbeit macht Spaß. Und so geht es in den folgenden Tagen weiter. Mittags sitzt das ganze Ensemble beisammen und futtert, kleckert, lacht und quatscht, und nicht selten sitze ich mittendrin und denke: Manchmal ist es schade, dass wir Menschen uns so viele sperrige Worte ausdenken müssen, um das Einfachste zu beschreiben ... Inklusion, Teilhabe, demokratisches Miteinander, prozess- und stärke-orientierte Herangehensweise ... und so weiter.

Mag ja alles richtig und erstrebenswert sein. Aber alles, was hier passiert, ist so simpel, so menschlich, so schön und von vielen Menschen ganz selbstverständlich mitgelebt und umgesetzt:

Wie eine große Familie, in der jeder die Möglichkeit hat, mal der schräge Vogel, mal glücklich, mal enttäuscht, mal laut, mal leise zu sein. Die Unterschiede verschwimmen, wenn man die Persönlichkeiten ernst nimmt. Und nur das ist es, was auf der Theaterbühne zählt: die eigene Persönlichkeit groß machen, Kreativität geschehen lassen, Ensemblearbeit gestalten, sprich füreinander da zu sein, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Wie Dennis und Leonie, die in der „Unfallszene“ mit ihrem Dialog durcheinandergeraten sind, dann aber doch noch ganz elegant und ohne dass es irgendjemand im Publikum gemerkt hätte, die Kurve bekommen haben.

Nach der Aufführung, das Gemeindefest war schon in vollem Gange, kommt Greta zu mir, den Mund voller Kuchen, und stellt etwas verwundert fest: „Ständig kommen Leute zu mir und sagen, wie toll sie es fanden.“ Sie schaut mich etwas ratlos an. „Eine Frau hatte sogar Tränen in den Augen und meinte, sie müsse mir UNBEDINGT sagen, WIE schön sie dieses Stück fand.“ Greta kaut weiter, grinst mich an und läuft zu einer der vielen gemischten Kindergruppen. Die mit dem Wasserball, den Greta übrigens zufällig bei der Tombola gewonnen hat. Bei der spielt, mit vollem Körpereinsatz, gerade auch Fima mit, eines der beiden Mädchen aus Bangladesch. Mittlerweile kann sie übrigens ganz schön viel auf Deutsch sagen: „Danke“, „Ja“ und „Guten Morgen!“, „Haltet den Dieb!“, „Weg, nach Hause!“, „Wasser“ und „Herzlich willkommen!“ Sie lacht und strahlt, wie die anderen Ball spielenden, rutschenden, mampfenden und weiterhin viel Zuschauerlob einheimsenden Schauspieler auch, und ich bin fest davon überzeugt, kaum eines der Kinder, vielleicht sogar kaum einer der Teilnehmer insgesamt, versteht, warum wir Erwachsenen, wir Außenstehenden, wir Zuschauer so gerührt sind von dem, was die Gruppe selbst im Laufe der letzten Tage und zuletzt während der halben Stunde Aufführung, als so selbstverständlich erlebt hat.

Aber wir wissen das umso besser. Wir würden uns nämlich insgeheim wünschen, dass es in unserer Gesellschaft immer so normal wäre, verschieden zu sein. Wir spüren dieses Menschenrecht fast körperlich. Es fühlt sich sehr richtig an. Weil es so bereichernd ist für alle. Für die, die mitmachen. Und für die, die zuschauen.

Ach, immer diese vielen Worte. Ich bedanke mich, auch in Steffis Namen, bei allen, die Teil dieser wunderbaren Woche gewesen sind. Namentlich noch ganz besonders bei Anna Myasoedova, die sowohl mit der Petri-Combo als auch mit den Musikern aus der Füllenbruchcombo eine wie immer wunderbare musikalische Arbeit gemacht hat.

Gerne bis zum nächsten Mal!
Euer Daniel Scholz